Das Jury-Statement
Wie mit Ungewissheit umgehen, Raum für Unterschiede offenhalten und den Wert der Vielfalt im Tanz erkennen.
Wie mit Ungewissheit umgehen, Raum für Unterschiede offenhalten und den Wert der Vielfalt im Tanz erkennen.
Lange haben europäische Institutionen den Tanz durch die Brille klassischer und romantischer Idealvorstellungen betrachtet. Diese beschrieben genau, was ein Körper tun soll, wie er sich bewegen soll, und wie er dabei aussehen soll. Was einst eine Frage von Stil und Geschmack war, wurde zur Tradition, und diese Tradition etablierte den dominierenden Rahmen für die Art, in der Tanz – oder genauer gesagt, welche Arten von Tanz – kontextualisiert und bewertet wurde(n).
Trotzdem hat der Tanz schon immer in vielfältiger Form existiert. Soziale, rituelle, volkstümliche und verkörperte Praktiken gab es schon immer, sie wurden jedoch innerhalb der Hierarchien nicht anerkannt. In dem Masse, in dem diese diversen Formen zunehmend Anerkennung finden und in die Sparte Einzug halten, verändert sich die Tanzlandschaft. Was einst klar umrissen schien, stellt sich jetzt wesentlich komplexer, pluralistischer und durchlässiger dar.
«Was ist für den Tanz massgebend? Wo hört der Tanz auf und fängt das Theater an? Ist Performance Art folglich auch Tanz?» Das sind nur einige der Fragen, die uns – die Jury – durch dieses vergangene Jahr begleiteten, während wir 198 Stücke, die während der letzten zwei Jahre Premiere hatten, visionnierten und diskutieren, um schliesslich ein Programm von zwölf Werken für die Swiss Dance Days 2026 auszuwählen.
Der Auswahlprozess war geprägt von intensiven Diskussionen über herrschende Hierarchien, Machtbeziehungen und die Zugänglichkeit unterschiedlicher (Tanz-)Realitäten. Wer fühlt sich beim Stichwort «Schweizer Tanz» einbezogen? Wer verfügt über die Informationen, die finanziellen Mittel und den Zugang zu den Institutionen, um an diesem Wettbewerb teilzunehmen? Was bedeutet es für sozialen Tanz, Club Dance und Street Dance, dass sie in die Rahmenbedingungen des klassischen Bühnentanzes passen müssen, um in diesem Wettbewerb bestehen zu können?
Da die Definition des Tanzes selbst so durchlässig ist, war die Aufgabe, eine begrenzte Auswahl zu kuratieren, erst recht herausfordernd – aber auch erfrischend. Ohne klare Parameter wurden wir ständig zur Reflektion gezwungen – nicht nur über unsere persönlichen Präferenzen, sondern auch über die breiteren Perspektiven und implizierten Rahmenbedingungen, die beeinflussen, wie wir als Tanzszene Bewegung, Innovation und künstlerische Relevanz verstehen. Diese Fragen betreffen Künstler·innen und Institutionen gleichermassen, und sie verlangen von uns, kollektiv angegangen zu werden. In diesem Sinne spiegelten unsere Überlegungen die breiteren Diskussionen, die heute in der Schweizer Tanzszene stattfinden: ein gemeinsamer Versuch, mit Ungewissheit umzugehen, einen Raum für Unterschiede offenzuhalten und den Wert der Vielfalt anzuerkennen.
Was jedoch bleibt, sind zwölf Werke, die wir kollektiv und stolz für die Swiss Dance Days 2026 präsentieren. Es sind wagemutige, rigorose und tief empfundene Stücke, die unsere Erwartungen, was Tanz sein kann, in Frage stellen und erweitern. Das Programm vereint fulminante Bühnenproduktionen und intime Solostücke, ortsbezogene Interventionen im öffentlichen Raum und kraftvolle Ensemblestücke. Es umfasst eine grosse Bandbreite von Stilrichtungen und Praktiken – von zeitgenössischen Erkundungen bis zu kongolesischem Tanz und Dancehall – und spiegelt darin die Reichhaltigkeit und Diversität der Szene. Dem Publikum begegnen sowohl international etablierte Künstler·innen wie auch spannende neue Stimmen, von denen jede einen anderen Zugang und unterschiedliche Dringlichkeit auf die Bühne bringen. Gemeinsam spiegeln diese Werke ein Feld, das rastlos und einfallsreich ist, sich weigert, sich auf simple Definitionen einzulassen, und weiterhin in unerwartete Richtungen wächst. Wir schätzen diese Künstler·innen für ihre Risikobereitschaft, für den Druck, mit dem sie gegen Konventionen aufbegehren, und dafür, dass sie Werke schaffen, die das Publikum auf sehr unterschiedliche Art rühren werden.
In diesem Sinne bietet die Auswahl selbst eine Parallele zum gegenwärtigen Moment: Genau in dem Zeitpunkt, da die Gesellschaft sich verändert, besteht auch der Tanz darauf, Fragen zu stellen, sich auszudehnen und neu zu erfinden. Wir dürfen uns in Zeiten des Wandels nicht selbstzufrieden auf die Schulter klopfen. Die Werke, die wir ausgewählt haben, erinnern uns daran, dass Transformation nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist – und dass sie oft mit Kunst beginnt.
- Pascale «Baba» Altenburger, Tanzpädagogin Street- und Clubdances, Performerin, Bern
- Brandy Butler, Performancekünstlerin, Zürich
- Léo Chavaz, Co-Programmation Pavillon ADC, Genf
- Lorenzo Conti, Tanzkurator LAC Lugano & Milanoltre Festival
- Lisa Letnansky, Leitung Dramaturgie Tanzhaus Zürich
Sie hat bis im Sommer 2025 Stücke von Schweizer und in der Schweiz tätigen Choreograf·innen oder Compagnies visioniert und somit das künstlerische Programm dieser biennalen Plattform für das professionelle Schweizer Tanzschaffen verantwortet. Die Jury berücksichtigte dabei folgende Kriterien:
- Aktualität und hohe künstlerische Qualität der Stücke
- Potenzial für die internationale Verbreitung der Stücke
- ästhetische, generationelle und regionale Vielfalt
Der Vorstand des Vereins Swiss Dance Days 2026 – bestehend aus Vertreter·innen der Berner Partnerinstitutionen Bühnen Bern, Dampfzentrale, Schlachthaus Theater, Tanzhaus Bern und Beta (Berner Verband der Tanzschaffenden) und Reso – hat die fünfköpfige Jury gewählt.